Leni Riefenstahl ging als einzigartiges Phänomen des Dritten Reichs in die Geschichte ein – Hitlers Star-Regisseurin und zugleich eine Künstlerin, die trotz aller Kontroversen ein langes und ereignisreiches Leben führte. Mehr auf berlinski.net.
Die Freundin Hitlers?
Sie nannte den Führer die „größte Persönlichkeit“ und erklärte in Interviews mit amerikanischen Medien in den späten 1930er-Jahren, dass er „keine Fehler“ habe. Für Riefenstahl war Hitler eine perfekte Figur – vergleichbar mit Nietzsche, Bismarck und Friedrich dem Großen, aber aus ihrer Sicht sogar noch vollkommener. Joseph Goebbels lobte sie als „den einzigen Star, der uns wirklich versteht“.
Viele, darunter prominente Persönlichkeiten, waren jahrzehntelang empört darüber, dass Riefenstahl nie für ihre Rolle im nationalsozialistischen System zur Rechenschaft gezogen wurde. Sie umging sämtliche Strafen und Gerichtsverfahren – obwohl viele an ihrer Schuld zweifelten. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes kehrte sie in die Öffentlichkeit zurück. Feministinnen feierten sie als unabhängige Frau in einer von Männern dominierten Welt. Die Filmbranche verteidigte sie mit der Argumentation, Kunst müsse von Politik getrennt betrachtet werden.
1984 verklagte sie die Regisseurin Nina Gladitz, die in ihren Dokumentationen zu beweisen versuchte, dass Riefenstahl nicht nur eine Bewunderin, sondern eine überzeugte Nationalsozialistin war. Doch Riefenstahl bestritt jegliche Schuld und bezeichnete ihre frühere Nähe zu Hitler als „Mädchennaivität“.
Unglaubliche Wendungen des Lebens

Riefenstahl musste sich etwa 30 Gerichtsverfahren stellen – doch verurteilt wurde sie nie. Stattdessen wurde sie in der Filmbranche isoliert: Niemand wollte sie mehr engagieren, ihre 14 geplanten Filmprojekte wurden auf Eis gelegt.
Diese Schwierigkeiten führten zu schweren Nervenzusammenbrüchen. Zwei Jahre verbrachte sie in psychiatrischer Behandlung. Doch ihre Lebenslust ließ sie nicht untergehen. 1952 erhielt sie ein Angebot vom Finnischen Olympischen Komitee, einen Film über die Olympischen Spiele zu drehen. Später kam eine ähnliche Anfrage aus Norwegen. Doch sie lehnte beide ab – schließlich hatte sie bereits 1936 das „ultimative“ Werk über die Olympischen Spiele gedreht.
Stattdessen wandte sich Riefenstahl der Fotografie zu. Sie reiste durch Afrika, dokumentierte Landschaften und Kulturen und veröffentlichte ihre Arbeiten in renommierten Magazinen. Besonders bekannt wurde ihre Dokumentation über das nubische Volk – eine sensationelle Arbeit, da es ihr als erster Außenseiterin gelang, tiefe Einblicke in das Leben dieses Stammes zu erhalten.
Auf ihren Reisen lernte sie den Kameramann Horst Kettner kennen, der 40 Jahre jünger war als sie. Doch das Alter spielte keine Rolle: Riefenstahl, mit 66 Jahren noch immer bemerkenswert vital, wurde für Kettner nicht nur zur Lebenspartnerin, sondern auch zur Mentorin und kreativen Inspiration.
Hundert Jahre unvergessliches Leben

2002 feierte Leni Riefenstahl ihren 100. Geburtstag. Zahlreiche namhafte Künstler und Persönlichkeiten kamen, um sie zu ehren. Doch ihren 101. Geburtstag erlebte sie nicht mehr – nur wenige Wochen später starb sie friedlich in ihrem Haus in Bayern.
Ihr ganzes Leben widmete sie der Kunst, und bis zuletzt blieb sie eine hochumstrittene Persönlichkeit. Doch niemand konnte ihre filmische Meisterschaft in Frage stellen. Dass eine so zierliche Frau in der Lage war, solch monumentale Werke zu schaffen, bleibt eines der großen Paradoxe der Filmgeschichte.
