Valeska Gert – Tanz durch den Sturm der Zeit

Die deutsche Kunst des frühen 20. Jahrhunderts brachte der Welt zahlreiche schillernde Tänzerinnen und Pionierinnen der Bühne – von der geheimnisvollen Mary Wigman bis zur exzentrischen Anita Berber. Ihre Auftritte brachen mit den akademischen Konventionen, vermischten Tanz mit Theater und verwandelten die Bühne in einen Raum der Freiheit. Unter all diesen Namen sticht Valeska Gert besonders hervor – eine Frau, die ihrer Zeit voraus war und, nach den Worten von Wolfgang Müller, zu einer der einflussreichsten Künstlerinnen der Epoche wurde. Mehr dazu auf berlinski.

Als Tänzerin, Schauspielerin, Kabarettstar, Barbesitzerin und Buchautorin verkörperte Valeska die Energie und den rebellischen Geist des Berlins der Weimarer Zeit. Sie schuf ihre eigene Stilrichtung – den „Grotesktanz“, in dem sie Plastizität, Pantomime und schauspielerischen Ausdruck verband. Kurt Tucholsky nannte ihre Auftritte das Verwegenste, was man je auf einer Bühne gesehen hatte, denn sie lehnte bürgerliche Konventionen ab, verspottete soziale Rollen, schockierte und faszinierte zugleich. Gerts Kunst spaltete das Publikum, aber genau diese Polarität machte sie zur Legende.

Tanz gegen die Regeln

Der zukünftige Star, Gertrud Valeska Samosch, wurde im Januar 1892 in Berlin in einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Von Kindheit an verspürte sie einen inneren Widerstand gegen jegliche Normen – sowohl gesellschaftliche als auch kulturelle. Ab ihrem siebten Lebensjahr nahm sie Ballettunterricht, doch die traditionelle Schule langweilte sie schnell, und das Mädchen brach die Ausbildung ab, da sie nach einer Freiheit strebte, die ihr die Regeln nicht boten. Bis zu ihrem 23. Lebensjahr studierte sie Schauspiel und Bewegungstechnik bei der berühmten deutschen Schauspielerin Maria Moissi, die sofort die strahlende Individualität ihrer Schülerin erkannte. Der Theaterstar riet ihr, sich an die Tänzerin Rita Sacchetto zu wenden, die für ihre eleganten „lebenden Bilder“ bekannt war. Doch statt der erwarteten Anmut brachte Gert einen Sturm auf die Bühne. Später erinnerte sie sich in ihrer Autobiografie „Mein Weg“ daran, wie sie sich ein Kostüm aus orangefarbener Seide schneiderte, um wie eine Kugel aus den Kulissen zu schießen und einen wilden Tanz aufzuführen. Das Publikum begrüßte diese Neuheit mit tosendem Applaus und Rufen.

Dieser Auftritt im Jahr 1916 mit dem Titel „Tanz in Orange“ wurde zu Valeskas Bühnendebüt und ihrer Herausforderung an die damals modische Richtung des „Ausdruckstanzes“, der eine spirituelle Erhabenheit forderte. Gert verachtete den „bürgerlichen Tanz“ und hielt ihn für unecht. Ihr kühnes Debüt öffnete ihr die Türen zum Münchner Kammerspiel unter Otto Falckenberg, wo Gert Charakterrollen erhielt und Expressionisten kennenlernte, die die Realität durch Groteske kritisierten. Dort feilte sie an ihrem Stil, lernte, Gesten und Mimik einzufangen und ins Groteske zu übersteigern. Mitte der 1920er Jahre hatte Valeska bereits ihre eigene Ästhetik entwickelt: Sie verspottete gesellschaftliche Rollen und parodierte kulturelle Stereotypen – von Charleston-Tänzern bis hin zu Boxern. Ihre Bewegungen – scharf, gebrochen, verzerrt – wurden zu einer Metapher für die Absurdität der damaligen Zeit.

Groteske und Kritik

Wie die Forscherin Sidney-Jane Norton feststellte, brachte Gert die Sprache der Massenkultur in den Tanz ein und nutzte sie als Waffe gegen die bürgerliche Moral. Jede Nummer war eine kurze Karikatur des modernen Lebens, die die Zuschauer zugleich anzog und schockierte. Die Tänzerin tat dasselbe wie Bertolt Brecht im Theater: Sie zerstörte die Illusion und zwang das Publikum zum Nachdenken. Nicht umsonst sagte Brecht zu Gert, als sie sich trafen, dass das epische Theater das sei, was sie im Tanz geschaffen habe. Valeska wurde die erste Tänzerin, die die Bühne in einen Raum der Sozialkritik verwandelte. Ihre Heldinnen waren marginalisierte Persönlichkeiten, die nicht gesehen wurden oder die man nicht sehen wollte. In ihrer berühmten Nummer „Kanaille“ spielte sie eine Prostituierte so unverblümt, dass der Auftritt einmal mit einem Polizeieinsatz endete.

Performance in der Revolution

Foto: Standbild aus dem Film „Die freudlose Gasse“

In den 1920er Jahren wurde Valeska Gert zur Sensation des Berliner Untergrunds. Ihr Name wurde in einem Atemzug mit Dadaisten und Surrealisten genannt, die Tänzerin wurde mit den lebenden Skandalen des Kabaretts und später mit Laurie Anderson verglichen. Gert trat in Brechts Kabarett „Rote Revue“ auf, tourte durch Europa – von Paris bis London – und übertrug ihre Experimente auf die Leinwand. 1925 stand sie neben der jungen Greta Garbo im Film „Die freudlose Gasse“ vor der Kamera, 1929 mit Louise Brooks in „Tagebuch einer Verlorenen“. In der ersten Verfilmung von Brechts „Die Dreigroschenoper“ aus dem Jahr 1931 spielte sie die Rolle der Frau Peachum.

Doch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde Gerts kreativer Höhenflug durch ein Auftrittsverbot jäh unterbrochen. Jüdische Kabaretts wurden geschlossen, und ihre Auftritte als „unpatriotisch und degeneriert“ gebrandmarkt. Sogar Propagandaminister Joseph Goebbels erwähnte die skandalöse Tänzerin in seinem Buch „Der ewige Jude“ als Symbol der dekadenten Kunst. So wurde Valeska Gert zu einer der ersten Verbannten der deutschen Avantgarde. Sie ging nach London, doch auch dort erwartete sie nicht die Bühne, sondern die Ausweglosigkeit einer Emigrantin. 1939 versuchte sie, in den USA ein besseres Schicksal zu finden, jedoch ohne Erfolg. Der Regisseur Ernst Lubitsch lud Gert nach Hollywood ein, doch nachdem sie angekommen war, einige Auftritte absolviert und die amerikanischen Schauspieler als „Postkarten, nicht als Menschen“ bezeichnet hatte, verlor er das Interesse an einer Zusammenarbeit.

Satire, Kabarett und Ablehnung

Zurück in New York versuchte Valeska erneut aufzutreten, doch ihr expressiver Stil und ihre groteske Satire lösten beim Publikum eher Verwirrung als Begeisterung aus. Das amerikanische Publikum verstand sie nicht, und unter den deutschen Emigranten wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer offenen Gesellschaftskritik zur Außenseiterin. Ohne Geld lebte Gert am Rande der Armut, bis sie 1941 ihren eigenen Kellerclub im West Village eröffnete – die „Beggar Bar“ in der Morton Street. Dieser Ort wurde schnell zur Legende in New York: Dort traten die spätere Gründerin des „Living Theatre“, Judith Malina, der Dramatiker Tennessee Williams und unzählige andere talentierte Vertriebene, Experimentatoren und Schauspieler auf.

Die „Beggar Bar“ wurde zu einer kleinen Insel des freien Geistes, auf der Tanz und Wort erneut zur Rebellion verschmolzen. Doch mit dem nahenden Kriegseintritt der USA wurde Gerts deutsche Herkunft für sie zur Belastung. Als eine Welle des Patriotismus Amerika erfasste, wurde Valeskas Club ignoriert, und 1945 musste sie ihn schließen. Der Versuch, eine ähnliche Einrichtung in Provincetown zu gründen, war nicht erfolgreich, und Gert kehrte nach Europa zurück. Dort trat sie wieder auf und eröffnete Clubs – kleiner, bescheidener, aber ihre eigenen.

Fellini, Talkshows und Punk

Doch der Ruhm kehrte zu ihr zurück, als der berühmte Regisseur Federico Fellini Gert Anfang der 1960er Jahre für alle überraschend eine Rolle in seinem Film „Julia und die Geister“ (Julietta der Geister) anbot. Ihr Make-up – kreidebleiche Haut, schwarze Augenbrauen, blauer Lidschatten, rote Lippen – wurde zum Sinnbild der Zeit. Danach erschien die Schauspielerin erst in den 1970er Jahren wieder auf den Bildschirmen, in einer populären deutschen Talkshow. Man sprach wieder über sie, als die Regisseure Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff Valeska 1977 zur Zusammenarbeit einluden. Schlöndorff gab der Schauspielerin eine Rolle in dem Dokumentarfilm „Nur zum Spass – nur zum Spiel“, die Gerts Namen zurück in die Kunstwelt brachte.

Aber das Wichtigste war, dass ihre Figur zum Symbol einer neuen Rebellion wurde. Nach der Fernsehshow sahen junge Punks in Gert ihre Vorläuferin. Tatsächlich war diese Frau Punk, bevor es Punk überhaupt gab: unerträglich, furchtlos, frei. Wie der Forscher Mel Gordon sich erinnerte, hatte Valeska eine Punk-Aura, weil sie „über die Reaktion des Publikums hinausging“. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1978 erhielt die Schauspielerin sogar Briefe von jungen Punks, die die Frau kennenlernen wollten, die die Welt gelehrt hatte, über das Bürgertum zu lachen.

Gert als Formel der Wahrheit

Diese Tänzerin und Schauspielerin verstarb im März 1978 und hinterließ nicht nur Kunst, sondern eine Formel der Wahrheit. Bereits in den 1930er Jahren erklärte sie im Leipziger Rundfunk, dass ein Künstler, wenn er tief in seine Zeit eindringt, deren verborgenen Sinn entdeckt und etwas Ewiges schafft. Und dass Werke nur dann zeitlos erscheinen, wenn sie tiefgründig genug sind. Später schrieben Journalisten, dass Valeskas Geist im „Living Theatre“ von Judith Malina, in der Körperlichkeit von Pina Bausch und in jeder Performance weiterlebte, in der Kunst zur Form des Widerstands wurde. Im Jahr 2016 präsentierte das Jüdische Museum in New York eine Videoaufzeichnung ihres Auftritts in der Ausstellung „Unorthodox“, die den Nonkonformisten des 20. Jahrhunderts gewidmet war.

Valeska Gerts Stern leuchtet unter den bedeutendsten Kabarett-Satirikern auf dem „Walk of Fame of Cabaret“ in Mainz als Andenken an ihre furchtlose Energie und ihre künstlerische Revolution. Im Berliner Stadtteil Friedrichshain ist seit 2006 eine Straße nach Gert benannt – als Anerkennung dafür, dass ihr Einfluss auch nach ihrem Tod weiterlebt. Valeskas Memoiren wurden in mehrere Sprachen übersetzt und ermöglichen es ihrer Stimme, ihrem scharfen Verstand und ihrem unbezwingbaren Geist, in die verschiedensten Ecken der Welt vorzudringen, um daran zu erinnern: Kunst kann immer eine Form der Rebellion sein.

Quellen:

  1. https://www.imdb.com/name/nm0314960/
  2. https://www.tabletmag.com/sections/arts-letters/articles/forgotten-world-of-valeska-gert
  3. https://www.arsenal-berlin.de/en/news/a-tribute-to-valeska-gert/
  4. https://www.gettyimages.co.uk/photos/valeska-gert

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