Ein Festival – das ist immer eine riesige Bühne, mehrere kleinere Veranstaltungsorte, Reihen von Zelten, ein Parkplatz, Toiletten und viele, viele Menschen, die gekommen sind, um bekannte oder weniger bekannte Künstler zu hören. Eine Parade jedoch ist etwas anderes. Hier stehen Bewegung, Mobilität, Unvorhersehbarkeit und ein kontrolliertes Chaos im Mittelpunkt, bei dem die Organisatoren nie genau wissen, wie sich die Menschenmenge verhalten wird. Genau eine solche Parade wurde 1989 in Berlin organisiert. Sie fand vier Monate vor dem Fall der Berliner Mauer statt, und niemand – weder die Behörden noch die Organisatoren – wusste, welche Konsequenzen sie haben würde. Mehr über die erste Love Parade in Berlin erfahren Sie auf berlinski.net.

Musik, die vereint
Wie das Portal spiegel.de berichtet, wird das Jahr 1989 nicht umsonst als der letzte getrennte Sommer Berlins bezeichnet. Nur wenige Monate später fiel die Berliner Mauer, doch bereits davor hatte man das Gefühl, dass andere Mauern zu bröckeln begannen und Grenzen verschwanden. Dabei half die Musik, die alles um sich herum verschwinden ließ. Dank ihr vereinten sich die Menschen. Genau diese Musik erklang auf der ersten Love Parade.

Matthias Roeingh – der Organisator der Parade
Ende der 80er Jahre arbeitete Matthias Roeingh, heute bekannt als „Dr. Motte“, als DJ der Berliner Underground-Szene in einem kleinen Club in Schöneberg. Dort versammelten sich etwa 250 Menschen, und genau hier fand die erste Acid-House-Party in Deutschland statt. Acid House war ein Stil der elektronischen Musik, der durch tiefe Bassklänge auf dem Synthesizer Roland TB-303 gekennzeichnet war. Die Party entstand aus Matthias’ Suche nach neuer Musik.
Seine eigentliche Leidenschaft war jedoch die Architektur. Matthias studierte damals in Spandau Architektur.
Die Musik, die er suchte und sofort liebte, wurde zu einer Obsession. Er musste sie in Musikgeschäften finden, DJs danach fragen und Touristen aus London nach Aufnahmen bitten. Matthias besuchte illegale Partys, die in verlassenen Fabriken stattfanden. Häufig wurden sie von der Polizei aufgelöst, doch die Menschen tanzten trotzdem weiter – sogar auf den Straßen.
Die Musik, die Matthias suchte, hieß Techno und entstand Ende der 80er Jahre in Detroit. Sie war geprägt von künstlichen Klängen, mechanischen Rhythmen und der Wiederholung von musikalischen Strukturen.
Nach sechs Monaten kam Matthias die Idee, eine musikalische Demonstration – eine Parade – zu organisieren. Er glaubte, dass Musik Liebe und Einheit verbreiten kann und keine Grenzen oder Nationalitäten kennt. Einige behaupteten jedoch, das Hauptziel sei gewesen, eine neue Techno-Orgie mit Drogen und anderen hedonistischen Aktivitäten zu veranstalten.
Matthias’ Freunde begannen begeistert zu helfen. Ein Grafikdesigner erstellte Flyer und klärte die administrativen Abläufe: Registrierung, Ziel und Organisation der Veranstaltung.
Das Motto des Antrags lautete: „Für Frieden, Abrüstung, Freude, Musik als neues Kommunikationsmittel und Pfannkuchen für die gerechte Verteilung von Nahrung“.
Der Antrag wurde genehmigt, und am 1. Juli 1989 konnte die Parade stattfinden. Matthias schloss sich mit drei weiteren DJs zusammen: Westbam, Kid Paul und Jonzon. Die Musik nahmen sie im Voraus auf – auf Kassetten. Jede Kassette dauerte 90 Minuten, und die Musik war identisch. Die Kassetten wurden unter den drei DJs aufgeteilt. Sie fanden auch drei Lastwagen mit Lautsprechern und Generatoren: einen Citroën Ariane und zwei alte Volkswagen.

Der Beginn der Parade
Alles begann am 1. Juli gegen 15:00 Uhr. Die Organisatoren trafen frühzeitig am Wittenbergplatz ein, der leer war. Es nieselte, und der Himmel war bewölkt. Polizisten waren zahlreich anwesend, um den Verlauf der Parade zu sichern.
Nur 50 Teilnehmer hatten sich versammelt. Die Organisatoren hätten lieber noch gewartet, doch die Polizei drängte auf den Beginn. Der Hauptpolizist fragte Matthias, ob er gehen wolle. Daraufhin wurden die Generatoren eingeschaltet, und die Parade zog entlang des Ku’damms in Richtung Tiergarten.
Unterwegs schlossen sich immer mehr Menschen der Parade an. Die Musik war überall zu hören, und die Polizei griff nicht ein, da die Teilnehmer friedlich waren. Es war eine Revolution, die den Anfang von etwas Großem markierte.
Am Ende des Tages bauten Matthias und seine Freunde die Ausrüstung ab, brachten die Lastwagen zurück und gingen nach Hause. Doch sie wussten, dass sie etwas Besonderes geschaffen hatten.

Die Love Parade in den 90er und 2000er Jahren
In den folgenden Jahren wuchs die Parade:
- 1990 – 2000 Teilnehmer
- 1991 – 6000 Teilnehmer
- 1992 – 15.000 Teilnehmer
- 1993 – 31.000 Teilnehmer
- 1994 – 110.000 Teilnehmer
- 1995 – 280.000 Teilnehmer
- 1996 – 750.000 Teilnehmer
- 1997 – 1 Million Teilnehmer
Bis 1999 stieg die Zahl auf 1,5 Millionen Menschen. Der Erfolg der Parade hielt bis in die 2000er Jahre an. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellte der Staat die Finanzierung ein, da die Parade als kommerziell eingestuft wurde.

Das Ende und die globale Reise der Love Parade
2006 kehrte die Parade zurück, doch nach der Tragödie in Duisburg 2010, bei der 20 Menschen ums Leben kamen, wurde sie in Deutschland verboten. Die Parade zog daraufhin in andere Städte weltweit: Sydney, Acapulco, San Francisco, Caracas, Rotterdam und andere.