Tatjana Iwanow war eine der bedeutendsten Mezzosopranistinnen Deutschlands, eine Künstlerin von Weltruf. In Europa galt sie als „Königin der Musik“, deren Ruhm weit über die Grenzen des Ostens und Westens hinausreichte. Ihre auf Englisch gesungenen Musicals wurden in Australien gefeiert, und ihre Filmrollen in Operetten und Musicals begeisterten das Publikum. Besonders unvergesslich bleibt ihr Auftritt mit „Laras Thema“ im Musical „Doktor Schiwago“. Doch ebenso unsterblich machte sie sich mit russischen und Zigeunerromanzen. Mehr auf berlinski.net.
Die Tochter eines weißen Offiziers
Tatjana Iwanow wurde im Mai 1925 im Berliner Stadtteil Charlottenburg geboren – ein Ort, an den ihre Eltern nach der Russischen Revolution 1917 emigriert waren. Ihr Vater, Offizier Pawel Iwanow, und ihre Mutter, die Opernsängerin Jelena Ion, konnten sich rechtzeitig aus dem brennenden Russland retten und fanden in Deutschland eine neue Heimat.
Zuhause wurde ausschließlich Russisch gesprochen. Tatjanas Eltern erzählten ihr von ihrer alten Heimat – von Sankt Petersburg und der Wassiljewski-Insel, wo sie einst lebten. Die Familie hörte oft Schallplatten mit den Stimmen von Schaliapin und Plewitskaja. Besonders ihr Vater liebte russische und Zigeunerromanzen – eine Leidenschaft, die er an seine Tochter weitergab.
Tatjana wollte Schauspielerin werden und schrieb sich nach dem Schulabschluss an der Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin ein. Ihre Lehrerin war die bekannte Schauspielerin und Sprecherin Agnes Windeck, die Tatjanas außergewöhnliches Talent erkannte. 1943 erhielt sie ihr Diplom, ein Jahr später folgte das erste Theaterengagement. Ihr Debüt gab sie im Deutschen Theater in Shakespeares „Das Wintermärchen“. Doch bald wurden alle Bühnen aufgrund der zunehmenden Kriegswirren geschlossen.
Erste Rollen und Erfolge

Nach Kriegsende trat Iwanow zunächst am Münchner Kammertheater (Münchner Kammerspiele) auf – jedoch nur eine Saison lang. Danach wechselte sie mehrmals das Ensemble: Sie spielte ein bis zwei Jahre an den Schauspielhäusern in Frankfurt am Main, Koblenz und Hamburg. Ihre herausragende Rolle war Rosalind in Shakespeares „Wie es euch gefällt“, mit der sie 1949 auf Tournee durch Deutschland ging.
Später wurde sie Teil des Ensembles des Deutschen Theaters in Göttingen. Hier brillierte sie als Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“, Beatrice in „Viel Lärm um nichts“ oder als Sally in „Das Lied der Taube“. Ihre herausragendste Rolle blieb jedoch Rosalind. 1955 sorgte sie für Aufsehen, als sie in einer untypischen Rolle als Maria in Georg Büchners „Woyzeck“ auftrat.
Das Talent der jungen Schauspielerin öffnete ihr die Türen zu renommierten Theatern, darunter das Fritz Rémond Theater in Frankfurt am Main und das Princess Theatre in Melbourne.
Tatjana Iwanows Filmkarriere
Die Filmwelt entdeckte sie in den 1950er-Jahren. Ihr Leinwanddebüt gab sie als Dienstmädchen Meta in „Nacht fiel über Gotenhafen“ (1959). Danach folgten Rollen in der Komödie „Die Abenteuer des Nick Knatterton – Raub der Gloria Nylon“ und dem Kriegsdrama „Hunde, wollt ihr ewig leben?“. Die Vielfalt der Genres stellte ihre enorme Wandlungsfähigkeit unter Beweis. 1967 übernahm sie die komödiantische Rolle der Frau Düker in „Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche“.
Der Weg zur „First Lady der Musik“

Ihr Erfolg hatte auch mit ihrer markanten Mezzosopran-Stimme zu tun. Regisseure rieten ihr, diesen Gesangstalent weiter auszubauen. Dies tat sie – und übernahm die Hauptrolle im Musical „Hello, Dolly!“ („Хелло, Доллі!“), das sie 1966 am Düsseldorfer Schauspielhaus aufführte. Anders als in der amerikanischen Version spielte sie die russische Dolly Wassiljewa, was großen Anklang fand.
Ihr Auftritt wurde ein Triumph, und bald folgte die Veröffentlichung einer Schallplatte mit den Liedern aus dem Musical. Über 400 Mal sang sie „Hello, Dolly!“ – und wurde in Europa zum Star. Ihre Tourneen führten sie bis nach Australien, wo sie auch auf Englisch sang.
Kritiker lobten ihre Darbietung russischer und Zigeunerromanzen. Während in der Sowjetunion solche Lieder als dekadent galten, verehrten Exilrussen sie als Bindeglied zu ihrer verlorenen Heimat. Auch deutsche Zuhörer entdeckten durch Tatjana Iwanow die faszinierende Welt der russischen Musik.
Mit Iwan Rebroff nahm sie mehrere Schallplatten mit russischen Liedern auf – viele davon wurden später in der Sowjetunion populär.
Fernsehkarriere und Operettenfilme

1970 wurde sie als Moderatorin für die ZDF-Sendung „Noten-Spiegel Sommer“ engagiert. Hier präsentierte sie Werke berühmter Komponisten – darunter das Lied „Der tolle Romanoff“, das auf einer Langspielplatte veröffentlicht wurde.
Iwanow glänzte auch in Operettenverfilmungen. Sie spielte mit Heinz Erhardt und Horst Niendorf, überzeugte als moralische Madame Palmyra Bobusson in „Der Opernball“ und als russische Gräfin Olga in „Die Dollarprinzessin“ von Leo Fall. Weitere Rollen folgten in den TV-Shows „Musik mal drei“ (ARD) und „Scala heute“ (ZDF). 1973 gab sie Heinz Schenk ein Interview in „Zum Blauen Bock“.
Ein Abschied voller Würde

Dreimal war Tatjana Iwanow verheiratet. Mit ihrem ersten Mann, dem Schauspieler Wilfried Seyferth, hatte sie einen Sohn, Andreas. Ihr zweiter Ehemann war Gert Fröbe, bekannt als Bösewicht aus „Goldfinger“. 1975 heiratete sie den Filmproduzenten Walter Koppel – wissend, dass sie an Brustkrebs erkrankt war.
Doch sie kämpfte. Sechs Wochen nach einer Brustamputation stand sie wieder auf der Bühne – und spielte eine Doppelrolle im Musical „Himmelbett“. Ihr Wille war ungebrochen. Sie fuhr nach Chemotherapien in Hamburg nach Münster zu Proben und trat abends in Gelsenkirchen auf. Schmerz und Krankheit hielt sie geheim.
Ihre Pläne reichten bis 1980. Doch 1979 verlor sie den Kampf gegen den Krebs und starb in einer Klinik in Hamburg-Eppendorf. Beigesetzt wurde sie auf dem orthodoxen Friedhof der St.-Wladimir-Bruderschaft in Berlin-Tegel.
Ein bleibendes Erbe
Tatjana Iwanows russische und Zigeunerromanzen bleiben unvergessen. Ihre Aufnahmen sind heute online und auf Vinyl-Schallplatten zu finden – eine bleibende Erinnerung an eine charismatische Künstlerin.