Die europäische Kultur des 20. Jahrhunderts kannte viele Namen, die nach dem Krieg im Schatten neuer Ideale und eines veränderten historischen Gedächtnisses standen. Einer davon ist Margarete Klose, Inhaberin einer der größten Mezzosopranstimmen des 20. Jahrhunderts, Star der Berliner Staatsoper und Liebling von Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler. Ihre Bühnenkarriere umspannte drei Jahrzehnte, die eine Zeit des Aufstiegs und der Tragödie der deutschen Musik waren – vom Aufschwung der Zwischenkriegszeit bis zum Bruch, den der Zweite Weltkrieg brachte. Im 21. Jahrhundert wird ihr Name nicht so oft erwähnt wie der von Del Monaco oder Flagstad, doch Kloses Beitrag zur Prägung des dramatischen Mezzosoprans des vergangenen Jahrhunderts ist unbestreitbar. Mehr auf berlinski.
Eine Stimme, geboren in der Stille Berlins

Margarete wurde im August 1902 in Berlin geboren. Ihre Eltern nannten sie Frieda, doch in ihrer Jugend änderte sie ihren Namen. Ihre Familie gehörte nicht zur Künstlerelite: Der Vater arbeitete in der Industrie, die Mutter führte den Haushalt. In ihrer Jugend träumte Margarete nicht von der Opernbühne; nach dem Tod ihres Vaters begann sie als Sekretärin zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Später empfahl ihr ein Kollege, das Klindworth-Scharwenka-Konservatorium zu besuchen, wo sie ihre musikalische Ausbildung erhielt. Eine Zeit lang arbeitete sie als Gesangslehrerin und Begleiterin – eine Erfahrung, die sie, wie sie sagte, lehrte, Musik nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit dem Verstand zu hören.
Das Debüt von Margarete Klose fand 1926 auf der Bühne des Theaters Ulm in der Rolle der Fricka in Wagners „Die Walküre“ statt. Erste Kritiken hoben die außergewöhnliche Schönheit ihres Timbres und die natürliche Würde hervor, mit der sie auf der Bühne stand. In den folgenden Jahren trat die Sängerin in Freiburg auf, wo ihr Repertoire schnell wuchs: Rollen wie Carmen, Azucena, Brünnhilde. Sie wurde als eine der vielversprechendsten deutschen Sängerinnen der neuen Generation bezeichnet, in der sich Disziplin und natürliche Ausdruckskraft vereinten. Das entscheidende Jahr war 1931, als Klose an die Berliner Staatsoper – eines der führenden Musiktheater Europas – eingeladen wurde. Von da an begann ihre glanzvolle Ära, die über zwei Jahrzehnte andauerte.
Strauss, Furtwängler und der Gipfel des Ruhms

Auf der Berliner Bühne wurde Klose zur führenden Mezzosopranistin des Ensembles. Ihre Partner waren Josef Schmidt, Helge Rosvaenge und Lauritz Melchior, und am Dirigentenpult standen Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer und Karl Böhm. Ihr Repertoire umfasste die großen Wagner-Rollen: Ortrud, Brünnhilde, Fricka, Waltraute, Kundry. Doch sie beschränkte sich nicht auf Wagner: Sie sang auch Partien von Verdi, Gluck, Mozart und Strauss.
Strauss schätzte ihr Talent sehr. In den 1930er Jahren nannte er Klose eine Sängerin, die keine Angst vor der Wahrheit in der Stimme hat. Sie sang die Partien der Herodias und der Klytämnestra in „Elektra“ und zeichnete sich durch präzise Diktion, eine edle Phrasierung und dramatische Tiefe ihrer Stimme aus. Kloses Bühnenpräsenz blieb eher zurückhaltend, denn sie war keine Schauspielerin der Geste, sondern vielmehr der inneren Emotionen. Kritiker der Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ merkten 1938 an, dass ein einziger Blick von ihr mehr aussagen konnte als ein ganzer Akt einer Aufführung.
Krieg, Bühne und Überleben

Wie für die meisten deutschen Künstler wurden die Jahre des Zweiten Weltkriegs für Klose zu einer enormen Prüfung. Sie blieb in Berlin, sang in der Oper und nahm an Konzerten für Soldaten teil. In den Dokumenten finden sich keine Beweise für ihre politische Aktivität oder eine Zusammenarbeit mit den NS-Behörden, doch allein die Zugehörigkeit zur deutschen Bühne jener Zeit warf in den Nachkriegsjahren einen Schatten auf ihren Ruf. Während der Bombardierung der Hauptstadt wurde das Theater mehrfach zerstört, und die Künstler mussten unter schwierigsten Bedingungen arbeiten.
Trotz allem sang Klose weiter, was von ihrer professionellen Hingabe an die Bühne zeugte. Später erinnerte sich die Sängerin, dass diese Auftritte für sie zu einer Form des geistigen Widerstands gegen das Chaos wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Margarete am Theater. 1947 sang sie in den wiederaufgenommenen Produktionen der Berliner Oper, später auch in Hamburg, Wien und München. Kritiker bemerkten, dass ihre Stimme tiefer und dunkler geworden sei, aber nichts von ihrer Noblesse verloren habe.
Rückkehr auf die große Bühne
Nach dem Krieg setzte Margarete Klose die Interpretation ihrer besten Partien fort und erweckte die Opernkunst aus der Asche der zerstörten Stadt zu neuem Leben. Bis 1949 blieb sie ein fester Bestandteil der Berliner Bühne, doch die Teilung der Hauptstadt in einen Ost- und einen Westsektor zwang sie zu einer schmerzhaften Entscheidung. Als Bewohnerin West-Berlins musste Margarete das Theater verlassen, das sich nun im Ostteil befand, und an die Städtische Oper West-Berlin – die zukünftige Deutsche Oper – wechseln.
1949 trat Klose bereits am Royal Opera House Covent Garden auf, wo sie die Rolle der Kundry in „Parsifal“ sang – eine Partie, die als eine der anspruchsvollsten für Mezzosopran gilt. Ihre Interpretation der Rolle wurde von den britischen Kritikern hochgelobt; sie bezeichneten die Künstlerin als Vorbild der deutschen Schule des vokalen Intellekts. Als 1951 die Bayreuther Festspiele nach dem Krieg wiedereröffnet wurden, war es Klose, die eingeladen wurde, die Rolle der Fricka in „Der Ring des Nibelungen“ zu singen. Sie spielte auch die Waltraute in der „Götterdämmerung“ und zeigte dabei eine nahezu perfekte Verbindung von Stimmkraft und Lyrik.
Die Presse schrieb, ihre Stimme besitze „Stahl und Seide zugleich“, und ihre schauspielerische Natürlichkeit sei von der ausgewogenen Würde einer antiken Heldin geprägt. Dank dieser Eigenschaften gehörte Klose zu jenen, die den Nachkriegs-„Neuen Bayreuther Stil“ mitprägten – ohne lauten Heroismus, dafür mit innerer Wahrheit und psychologischer Tiefe. Trotz der politischen Grenzen brach Margarete die Verbindung zu ihrer alten Bühne nicht ab. Als in Ost-Berlin die Komische Oper gegründet wurde, lud ihr künstlerischer Leiter Walter Felsenstein die Sängerin zu Gastauftritten ein. Bis 1960 kehrte sie wiederholt dorthin zurück und bewies, dass es für wahre Kunst keine Trennungen und Grenzen gibt.
Musik, im Klang festgehalten

In jenen Jahren tourte Klose aktiv außerhalb Deutschlands. Ihre Auftritte in den Vereinigten Staaten – in Los Angeles und San Francisco – sowie an den führenden Opernhäusern Italiens – in Rom, Florenz und Palermo – waren sehr erfolgreich. Später trat die Sängerin erneut auf der Pariser Bühne auf, wo das Publikum sie mit derselben Herzlichkeit empfing wie vor dem Krieg. Der Name Margarete Klose wurde zu einem Symbol für unzerbrechliche Professionalität und ihre Stimme zur Verkörperung der deutschen Vokalschule, die die schwierigsten Zeiten überstanden hatte.
Obwohl die Ära der Studioaufnahmen damals erst begann, gelang es Margarete, mehrere Schallplatten aufzunehmen. Ihre berühmtesten Aufnahmen sind „Der Ring des Nibelungen“, „Die Walküre“ und „Götterdämmerung“ mit Wilhelm Furtwängler. In diesen Interpretationen klingt die Stimme der Sängerin besonders ausdrucksstark – satt und nuancenreich. Kritiker merkten an, dass Klose die Musik gekonnt durch Wort, Intonation und emotionalen Subtext erschloss. Es ist diese Tiefe, die auch im 21. Jahrhundert noch Zuhörer anzieht.
Lehren, mit dem Herzen zu singen

Nach intensiven Spielzeiten auf den Bühnen Europas zog sich Margarete Klose nach Buckow und Dingolfing zurück, um Kraft für neue Auftritte zu sammeln. Mitte der 1950er Jahre entschied sie sich jedoch, die Bühne gegen eine Lehrtätigkeit einzutauschen. Sie arbeitete an der Hochschule für Musik in Hamburg, wo sie viele junge Sänger ausbildete, darunter zukünftige Solisten führender Theater in Deutschland und Österreich. Ihre Methode basierte auf dem Prinzip „Technik ist nur ein Mittel, der Inhalt ist das Wichtigste“. Ihre Schüler erinnerten sich, dass Klose Manieriertheit nicht duldete und sie lehrte, „durch den Text hindurch“ zu singen.
Obwohl sie sich von großen Bühnenauftritten zurückgezogen hatte, nahm die Sängerin bis Anfang der 1960er Jahre gelegentlich an Konzertprogrammen teil. Ihre letzten Konzerte fanden 1963 statt. Der Bühnenstar lebte bescheiden in Hamburg und widmete die meiste Zeit dem Unterrichten und ihren Privatschülern. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Margarete Klose im ruhigen Bad Neuenahr, wo sie im Dezember 1968 verstarb. Sie hinterließ nicht nur die Erinnerungen ihrer Zuhörer, sondern auch zahlreiche Tonaufnahmen, die später zu wertvollen Dokumenten der deutschen Opernschule der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden.
Die Wahrheit der Stimme

Margarete Klose gehört zu der Generation, die den europäischen Typus des dramatischen Mezzosoprans prägte. Ihr Vokalstil verband Wagner’sche Größe mit menschlicher Intonation. Sie lehnte Pathos ab und wählte stattdessen psychologische Genauigkeit – ein Merkmal, das zum Vorbild für die Sängergeneration der Nachkriegszeit wurde.
Ihr Schaffen ist ein Beispiel für eine Kunst, die die Katastrophe des Krieges überlebt hat, ohne ihre Würde zu verlieren. Klose strebte nicht nach Ruhm, sie diente der Musik, und vielleicht ist ihr Name deshalb aus den großen Schlagzeilen verschwunden. Doch für die Geschichte der Oper ist sie ein Symbol für Bühnentreue, Disziplin und einen wahren, tiefen Klang, der zeitlos ist.
Quellen: